Freie Fachschaft Philosophie


Hausarbeit schreiben

In so gut wie allen Seminaren, die ihr am Philosophischen Seminar besuchen werdet, müsst ihr am Ende eine Hausarbeit schreiben. Dies ist gerade am Anfang kein Zuckerschlecken und ihr solltet für die Recherche der Literatur, das Lesen der Texte und das Schreiben der Arbeit ungefähr drei ganze Wochen einplanen. Im Laufe des Studiums wird euch das Schreiben von Hausarbeiten leichter fallen, so dass ihr es auch schneller hinbekommt.

Was vorab zu klären ist

(1) Thema oder Fragestellung suchen Für eine gute Hausarbeit ist eine klare Fragestellung unerlässlich. Viele Hausarbeiten kranken daran, dass sie im Grunde keine klar formulierte Fragestellung besitzen und deshalb vage werden oder abdriften. Das muss nicht sein! Sucht euch am besten schon während des Semesters ein interessantes Thema heraus. Das kann im Grunde alles Mögliche sein. Ihr solltet hier am besten nach euren Interessen gehen. Habt ihr beispielsweise während des Seminars eine Stelle gefunden, die euch unplausibel erscheint, dann könnt ihr genau diese in der Hausarbeit untersuchen. Oder ihr könnt eine Begriffsanalyse durchführen und schauen, was Hans Jonas eigentlich unter dem Begriff „Verantwortung“ versteht. Oder ihr könnt untersuchen, ob Platon in der Politeia nicht auf Seite XY einen Fehler gemacht hat oder ihr schaut, wie Kant in der Kritik der reinen Vernunft in Kapitel XY argumentiert.

(2) Das Lesen der Texte Hat man so langsam ein Thema gefunden (was nicht bedeutet, dass sich das Thema im Laufe der Zeit nicht noch ändern kann!), gilt es die Texte auf diese Fragestellung hin zu lesen. Es gibt in den Geisteswissenschaften viele verschiedene Richtungen und mögliche Herangehensweisen an wissenschaftliche Texte. Die Philosophen unterscheiden sich von anderen (Geistes-)Wissenschaftlern darin, dass sie Texte auf ihre Argumente hin lesen und untersuchen. Dies lässt sich mit zwei Schritten gut darstellen: (A) Was wird behauptet und (B) wie wird es begründet? Das klingt zwar ein bisschen langweilig, es hilft euch aber ungemein bei einer klaren Strukturierung. Wie ist also vorzugehen? Vorab - lest den Text erstmal gründlich durch - markiert dabei die wichtigen Abschnitte - gliedert den Text in zusammenhängende Bereiche und gebt ihnen nach Möglichkeit eine Überschrift (A) Was wird behauptet? - lest den Text noch mal durch - sucht die Thesen und Abschnitte, die für eure Frage wichtig sind - markiert euch die Thesen (B) Wie wird es begründet? - Nun sucht im Text nach den Begründungen für die Thesen - Tipp: Hierbei sind kleine Signalwörter wie „also“, „denn“ sehr hilfreich - Nun müsst ihr schauen, ob die gefundenen Begründungen für die These, die der Autor damit stützen will, ausreichen - Wenn sie nicht ausreichen, müsst ihr diese selber rekonstruieren - Das klingt viel schlimmer als es ist: „Der Philosoph XY behauptet, dass A. Er begründet dies damit, dass B. Das scheint aber nicht auszureichen, um die These nachvollziehbar zu machen. Er müsste noch C und D annehmen.“ So oder so ähnlich könnte er solche Rekonstruktion aussehen. - Glückwunsch! Nun sollte ein halbwegs fertiges Argument vor euch liegen. Ihr habt eine These, die der Autor vertritt. Ihr habt dazu die Begründung, die er im Text bringt und ihr habt schon geschaut ob die

(3) Die Überprüfung der Argumente Nun geht es daran, dass Argument, das ihr aus dem Text herausgeholt habt, zu untersuchen. Philosophen argumentieren – das heißt, dass der wesentliche Teil eurer Hausarbeit darin bestehen wird Argumente zu rekonstruieren und dann zu kritisieren bzw. zu verteidigen. Philosophische Argumente bestehen aus Prämissen (Gründen), die einen Schluss (eine Folgerung) stützen sollen. Also, ihr habt im ersten Schritt beispielsweise das folgende Argument herausgearbeitet: 1. Wenn Abtreibung Mord ist, dann ist Abtreibung moralisch falsch. Abtreibung ist Mord. Abtreibung ist moralisch falsch.

Ihr müsst nun eure Argumente prüfen, ob sie auch stimmen. Das macht ihr am besten wieder in zwei Schritten:

(1) Ihr schaut, ob die Argumentstruktur gültig ist. Nicht ohne Grund ist Logik eine verpflichtende Veranstaltung am philosophischen Seminar. Dort werdet ihr lernen, Argumente auf ihre Gültigkeit zu prüfen. Deshalb werden wir uns hier auch nicht auf das weite Feld der Logik hinauswagen.

(2) Im zweiten Schritt überprüft ihr die inhaltliche Begründung der Prämisse (also der Begründungen für die These). Damit die These, dass Abtreibung moralisch falsch ist, wahr ist, müsstet ihr nun zeigen, dass sowohl die erste Prämisse als auch die zweite Prämisse wahr sind. Das heißt ihr müsst in der ersten Prämisse zeigen, dass Mord immer moralisch falsch ist und in der zweiten Prämisse, dass Abtreibung ganz klar ein Fall von Mord ist. Beides sind durchaus strittigen Punkte für die man gut pro als auch contra argumentieren kann. Es gibt nun viele Möglichkeit eure Leser (also euren Dozenten) von der Wahrheit oder Falschheit einer Prämisse zu überzeugen. Darunter fallen beispielsweise: Begriffsdefinitionen, Gedankenexperimente, (empirische) Erfahrungen, Vergleiche, Analogien, absurde Konsequenzen, uvm. Ein Beispiel soll das klar machen: Angenommen ihr wollt dafür argumentieren, dass Abtreibung nicht moralisch falsch ist. Dann könntet ihr so vorgehen: Ihr definiert den Begriff Mord neu. Mord ist es erst dann, wenn ein Lebewesen getötet, dass auch fühlen kann. Der Fötus kann noch nicht fühlen, also ist es kein Mord. Vor allem Gedankenexperimente erfreuen sich in den letzten Jahrzehnten sehr großer Beliebtheit. Ein sehr altes Beispiel ist Theseus' Schiff: Stell Dir vor, ein Schiff, beladen mit Baumaterial, legt in Athen ab, um nach Milet zu segeln. Die Besatzung gerät in ein Unwetter und muss nach und nach jedes einzelne Teil des Schiffs durch Material aus der Ladung ersetzen. Ist das Schiff, das schließlich in Milet anlangt, noch dasselbe Schiff, das Athen verlassen hat? Ein solches Gedankenexperiment gibt allerdings keine klare Lösung auf ein Problem, aber es veranschaulicht beispielsweise das Problem der Identität sehr anschaulich. Es gibt natürlich auch eine Vielzahl von schlechten Begründungen, die da wären: auf Autoritäten verweisen; Ambiguität (in einem Argument die Bedeutung eines Ausdrucks verändern); grobe Vereinfachung; Themawechsel; Strohgegner (eine Position kritisieren, die sowieso niemand einnimmt); uvm. So wäre eine schlechte Begründung für eure Behauptung, dass Abtreibungen nicht moralisch falsch sind beispielsweise die folgende Behauptung: Für die meisten Menschen im westlichen Kulturraum ist Abtreibung kein Mord, also kann sie nicht moralisch falsch sein. Nur weil die Gesellschaft glaubt, dass es so ist, ist nicht notwendig so. Ihr verweist im Grunde auf eine Autorität. In diese Kategorie fällt auch der Verweise auf Gebräuche, Sitten, Expertenmeinungen, Meinungsumfragen, Statistiken, etc.

Das Schreiben der Arbeit

(1) Die Formalia Jeder Dozent hat unterschiedliche Vorstellung, wie die Arbeit aussehen soll. Das sprecht ihr am besten mit ihm ab bzw. er wird es euch mit ziemlicher Sicherheit selbst sagen. Wichtig: haltet euch an die Vorgaben des Dozenten! Standardmäßig gilt aber: 12pt in Times New Roman (o.ä.); 1,5 Zeilenabstand; 4cm Rand; Deckblatt mit voller Anschrift und Emailadresse. Eine Proseminararbeit umfasst übrigens ca. 15 Seiten; eine Hauptseminararbeit ungefähr 25- 30. Achtet auch auf Rechtschreibfehler! Der Umgang mit Rechtschreibfehlern ist von Dozent zu Dozent unterschiedlich, aber viele geben euch auch gerne mal eine Note schlechter, wenn sich die Fehler unverschämt häufen. Ein bis zwei Fehler pro Seite stellen aber für niemanden ein Problem dar. Ein Tipp: Korrekturlesen immer mit der ausgedruckten Arbeit und nicht am Bildschirm – dort überliest man viele Fehler.

(2) Der Aufbau der Arbeit Ganz klassisch: Einleitung, Hauptteil, Schluss. In der Einleitung legt ihr einfach dar, was eure Fragestellung ist und wie ihr denkt diese am besten beantworten zu können. Ihr erläutert also kurz den Aufbau euerer Hausarbeit, damit der Leser weiß, was auf ihn zukommt. Die Einleitung muss übrigens nicht als erstes geschrieben werden. So lange für euch die Fragstellung klar ist, könnt ihr auch die Einleitung als letztes schreiben. Im Hauptteil werden die Thesen überprüft. Hier werdet ihr die Hauptarbeit verrichten. In der Einleitung habt ihr ja schon eine Struktur dargelegt mit deren Hilfe am besten die Fragestellung gelöst werden kann. So eine Struktur könnte wie folgt aussehen:

  • Rekonstruktion des fremden Arguments, d. h. Wiederholung des Arguments in eigenen Worten und in klarer Prämissen-Schluss-Struktur
  • Erläutern wichtiger Begriffe und Ausdrücke aus dem fremden Argument
  • Kritische Erörterung des Arguments:
    • Ist der Schluss gültig?
    • Sind die Prämissen wahr?
    • Begründung für eure Position (Beispiele, Vergleiche, Gedankenexperimente, etc.)
    • Widerlegung möglicher kritischer Einwände gegen euch

Der Schluss ist im Grunde noch mal die Einleitung. Ihr sagt, was die Fragestellung war und zu welchen Ergebnissen ihr im Laufe der Arbeit gekommen seid. In den Schluss kommen keine neue Erkenntnisse oder Gedanken! Es wirklich nur eine Zusammenfassung des Hauptteils.

(3) Was es beim Schreiben zu beachten gilt:

  • allgemein verständlich schreiben – also kein übertriebener Fremdwortgebrauch
  • keine Vorraussetzung von philosophischen Fachkenntnissen (ihr solltet also nicht einfach davon ausgehen, dass euer Leser beispielsweise Kant gelesen hat)
  • keine langen Zitate – lieber kurze Zitate mit guten Erläuterungen
  • Sparsamkeit mit der Sekundärliteratur – diese ist nur notwendig, wenn ihr mit ihr etwas begründen wollt; ihr wollt euch ja mit den Argumenten des Philosophen und nicht mit denen eines Kommentators befassen (2-3 Bücher/Aufsätze sind also vollkommen ausreichend)
  • kurz und knackig schreiben – ausufernde Sätze sind mühselig zu lesen und zeugen von schlechten Stil
  • ihr solltet so schreiben, dass der Leser immer weiß, wo er sich gerade in euerer Hausarbeit befindet
  • jede Behauptung sollte entweder begründet (was ihr selber leistet) oder belegt (was ihr durch Zitate sicherstellt) werden
  • angemessen Fußnoten – Fußnoten sind vorrangig Belegstellen und keine Kommentare zu abschweifigen Themen
  • niemals „der Autor“ o.ä. schreiben, wenn ihr von euch selber sprecht! Schreibt lieber „meines Erachtens“ oder „ich“ oder „meiner Meinung nach“, o.ä.
  • komplizierte Abschnitte mit einem Beispiel verständlich machen
  • Unabhängigkeit in den Worten und Beispielen (denkt euch ruhig witzige Szenarien aus - euer Dozent wird euch bestimmt keine Note schlechter geben, wenn er zwischendurch mal lacht!)
  • klare Gliederung auch im Hauptteil: viele Studis legen nur in der Einleitung (und häufig noch nicht mal da!) dar, wie sie in der Arbeit vorgehen werden – das reicht nicht! Jedes Kapitel sollte am Ende einen Absatz haben, wo ihr kurz zusammenfasst, was ihr gemacht habt, zu welchen Ergebnissen ihr gekommen seid und wie es nun weitergeht. Bei langen Kapiteln könnt ihr das ruhig auch mal zwischendurch machen! So behält der Leser den Überblick und er weiß warum ihr gerade was macht. Das gibt viele Pluspunkte, vor allem da ihr damit zeigt, dass ihr klar und zielgerichtet arbeitet.

Um diese Punkte besser realisieren zu können, gebt ihr die Arbeit am besten an interessierte Laien zum Korrekturlesen; das sind vorzugsweise aufgeschlossene Studenten anderer Fachgebiete oder auch Freunde und Geschwister. Diese sehen häufig schneller, wo ihr zu kompliziert schreibt oder zu viel philosophische Kenntnisse voraussetzt. Sie sind auch super für Beispiele und das Nachvollziehen eurer Argumentation. Wenn die etwas nicht verstehen, dann solltet ihr umschreiben oder klarer formulieren! Allerdings ist ein offener Umgang unerlässlich. Es gibt nichts Kontraproduktiveres als einen Freund, der sich nicht traut offen Kritik zu üben oder nachzufragen, um die Freundschaft nicht zu gefährden oder um nicht als Unwissender dazustehen.